Samstag, 21. Juli 2007

Interview mit Ron Bell

In Europa wird der Ausrüstungsmarkt von großen Unternehmen bestimmt. Mode und Markenimage sind dabei oftmals die wichtigsten Verkaufsargumente. Ganz anders dagegen in den USA. Hier gibt es eine Reihe von kleinen, aber erfolgreichen Herstellern, die mit innovativer Ausrüstung und persönlichem Service das bieten, was man sonst nirgendwo bekommt. Mountain Laurel Designs (MLD) ist so ein Unternehmen und hat sich auf ultraleichtes Equipment spezialisiert. Mit Ron Bell, dem Gründer und Eigentümer von MLD, sprach Valentin Zill.


Ron Bell (RB): Hallo, hier ist Ron Bell von Mountain Laurel Designs.

Valentin Zill (VZ): Hallo Ron, hier ist Valentin Zill. Lass uns ganz von vorne beginnen. Wann und warum begannst Du zu wandern?

RB: Ich begann als Kind bei den Pfadfindern zu wandern. Das ist jetzt ungefähr 30 Jahre her. Mich zog es richtiggehend nach draußen. Wo ich aufwuchs, gab es immer viel Wald und verschiedene Gelegenheiten für mich, draußen Spaß zu haben. Meine Freunde, mein Bruder und ich verbrachten ganze Tage draußen an Wochenenden und das weckte mein Interesse am Wandern.

VZ: Würdest Du Dich heute eher als "Weekend Warrior" oder als Langstreckenwanderer bezeichnen?

RB: Ich denke, ich bin jetzt eher ein Weekend Warrior. In den letzten Jahren hatte ich nicht viel Zeit zum Wandern, da ich viel arbeiten musste und meine Kinder sehr jung waren. Jetzt kann ich etwas mehr raus gehen. Ich plane einen Trip dieses Wochenende auf dem Appalachian Trail in North Carolina, vielleicht 160 bis 240 Kilometer. Jetzt habe ich mehr Zeit, mich draußen zu bewegen. Ich mache normalerweise mindestens einmal die Woche einen Trail Run.

VZ: Ron, Du bist der Gründer von MLD, zurzeit die Firma, die die leichteste und innovativste Ausrüstung auf dem Markt anbietet. Was ist die Philosophie dahinter?

RB: Sie ist wirklich eine Erweiterung meiner selbst und ich habe vielleicht weniger einen Wander-Hintergrund als den eines Kletterers. Ich denke, dass ich viel von diesem Denken in die Ausrüstung, die MLD herstellt, eingebracht habe. Für einige Jahre arbeitete ich im Yosemite National Park als Such- und Rettungskletterer und ich kletterte viel in Felsen und großen Wänden. Gerade beim Klettern, wenn man größere Ladungen für mehrere Tage schleppen muss, muss man extrem leicht unterwegs sein, um den Gipfel zu erreichen. Einiges von diesem Einfluss brachte ich in Outdoorausrüstung ein. Meine Ziele sind normalerweise, eine bestimmte Entfernung zu gehen um etwas Bestimmtes zu sehen, oder möglichst weit in einer bestimmten Anzahl von Tagen zu kommen. Wenn Deine Freizeit sehr begrenzt ist, musst Du fokussiert sein, um Deine Ziele auf dem Trail zu erreichen. Meine Ausrüstung musste diesem Ziel dienlich sein. Meine Ausrichtung im Ausrüstungsdesign war, diese leichter und einfacher zu machen, um diese Ziele erreichen zu können.

VZ: Im Februar 2007 wurde aus MLD ein Vollzeitgeschäft für Dich, mit neuer Website und noch leichterer Ausrüstung als im letzten Jahr. Die Wartezeiten für neue Bestellungen sind ziemlich lang zurzeit, ungefähr vier bis sechs Wochen. Hast Du mit dem Erfolg, den MLD jetzt hat, gerechnet?

RB: In den letzten vier Jahren war MLD ein Teilzeitjob für mich. Als ich die Gelegenheit hatte, einen Vollzeitjob daraus zu machen, schloss ich die Website 2006 für circa vier Monate, während ich praktisch jedes Produkt überarbeitete, zumindest in Details. Ich informierte mich über und testete viele neue Stoffe, Hardware und Produktionstechniken. Als wir die Seite 2007 wieder eröffneten, war ich überrascht und überwältigt vom Volumen der Bestellungen in den ersten paar Monaten und wir holen jetzt erst langsam auf. Der Auftragsrückstand beträgt zur Zeit vier bis fünf Wochen. Eine der Sachen, für die MLD bekannt ist, ist die Anpassung an Kundenwünsche bei populäreren Ausrüstungsgegenständen, zum Beispiel beim Soul Bivy Sack. Wir bieten ihn mit links- oder rechtsseitigem Reißverschluss, normaler oder breiter Breite, in normaler oder langer Länge, Momentum oder eVENT Oberseite in verschiedenen Farben und mit verschiedenen Bodenmaterialien an. Wenn man all diese verschiedenen Optionen zusammenzählt, sind das wahrscheinlich über 30 und sicherlich könnte kein Hersteller jemals diese Produktpalette vorrätig haben. Die meisten unserer Artikel werden erst produziert, nachdem die Bestellung des Kunden eingegangen ist. Unsere Kunden kriegen wirklich eine Spezialanfertigung. Das ist der Hauptgrund, wieso wir mit den Bestellungen so nachhängen.

VZ: Stimmt es, dass Du das meiste der von MLD angebotenen Ausrüstung selber nähst?

RB: Zurzeit ist es wirklich ein Ein-Mann-Unternehmen. Nur ich! Ich beginne gerade mit Outsourcing, suche Leute mit hervorragenden Fähigkeiten, die einige Produkte für mich herstellen können. Ich schneide die Teile zurecht und bringe sie zu Ihnen zum Zusammensetzen. Ich beginne, etwas mehr davon zu machen. Die Firma beginnt, in diese Richtung zu wachsen. Auf der anderen Seite macht es mir wirklich Spaß, all die Sachen herzustellen und ich denke, die Kunden erwarten die hohe Qualität in Fingerfertigkeit und Detail, die sie mit einem MLD-Produkt bekommen. Die Firma wächst also, aber langsam, weil ich sicherstellen will, dass die Qualität hoch bleibt.

VZ: Im letzten MLD-Newsletter schriebst Du, dass einige Produkte überraschend besser als erwartet ankamen, andere schlechter. Von welchen Produkten dachtest Du, dass sie sich gut verkaufen, und welche verkaufen sich wirklich gut?

RB: Überraschenderweise verkaufen sich einige der absolut leichtesten Produkte wie der Revelation Pack, der circa 85 Gramm wiegt, lange nicht so gut wie zum Beispiel der Zip Pack, der ungefähr 284 Gramm wiegt. Ich denke aber, dass das wahrscheinlich saisonbedingt ist. Zurzeit planen und starten so viele Leute in den USA ihre Thru-Hikes. Der Zip ist etwas schwerer als unsere anderen Rucksäcke, aber immer noch relativ leicht für Thru-Hikes. Insgesamt verkauften sich Biwacksäcke und Rucksäcke wirklich gut, im Vergleich dazu schnitten die Tarps, vor allem die kleineren, schlechter ab. Auch das dürfte an der Saison liegen. Wenn Frühling und Sommer näher rücken, werden die leichtesten Tarps mehr nachgefragt werden.

VZ: Das leichteste Tarp, das Du angeboten hattest, wog ungefähr 88 Gramm, es ist jetzt nicht mehr erhältlich. Was ist der Grund dafür?

RB: Nun, wir bieten so viele Tarps an, zu Beginn ungefähr zwölf, davon drei verschiedene aus Spectralite.60 (Cuben Fiber). Eine davon eliminierte ich. Das neue Grace Solo Spectralite wiegt 140 Gramm, das Monk Spectralite 95 Gramm. Zu Beginn wollte ich genug Artikel anbieten, um zu sehen, was die Kunden wirklich wollten. Jetzt ändern wir einige Größen geringfügig aufgrund von Kundenmeinungen und bieten ein oder zwei Produkte nicht mehr an, dafür andere. Wir haben das Glück, sehr schnell auf Kundenbedürfnisse eingehen zu können.

VZ: Kannst Du uns etwas über die neuen Produkte sagen, die bald bei MLD erhältlich sein werden?

RB: Als wir unsere Website 2007 wieder online stellten, war da nur etwa ein Drittel bis die Hälfte unserer Produktpalette drauf, weil wir erst Reaktionen und Verkaufszahlen abwarten wollten. Es fehlen noch Shelters, Ponchos, Schlafsäcke und sonstige Ausrüstung.
Ponchos – Da hatten wir den extrem erfolgreichen MLD Pro Poncho, der etwa 284 Gramm wog und über viele verschiedene Design- und Funktionsmerkmale, die andere Ponchotarps nicht haben, verfügte. Wir werden die Ponchos jetzt wieder anbieten.
Schlafsäcke – Letztes Jahr boten wir die Devotion Sleeping Series an, die wir jetzt vollständig überarbeitet haben, mit größeren Größen, neuer Hardware und mehr Optionen bezüglich der Isolierung. Sie werden vermutlich in etwa einem Monat online gestellt werden, drei oder vier verschiedene. Es sind Top Bags mit Stoff als Boden, um Wärmeverluste und Luftzug vorzubeugen, die einige Benutzer von Quilts erfahren, vor allem unruhige Schläfer, die sich nachts oft umdrehen. In einem Quilt können gravierende Wärmeverluste durch nächtliches Umdrehen auftreten, die Devotion Series kann helfen, dieses Problem zu lösen.
Der dritte neue Produktbereich sind Shelters. Wir haben uns noch nicht entschieden, welche wir anbieten werden, aber wir wissen sicher, das darunter ein pyramidenförmiges Modell aus Spinntex.97 sein wird, etwa 370 Gramm schwer und groß genug für zwei. Es wird weniger als halb so schwer wie das nächstleichteste kommerziell erhältliche Modell sein. Vermutlich werden wir auch einige Tarps mit geschlossenen Enden und Eingängen anbieten, das ist aber noch nicht sicher.
Der vierte Bereich neuer Produkte besteht aus sonstiger Ausrüstung – Packsäcke und andere Dinge, die jeder braucht, aus den leichtesten Stoffen. Wir hoffen, über den Sommer unsere komplette Produktpalette online stellen zu können.

VZ: Kannst Du in wenigen Worten zusammenfassen, wieso jemand sich MLD Ausrüstung kaufen sollte?

RB: Es gibt nur wenige Ausrüster, die auf die Herstellung der absolut leichtesten Wanderausrüstung fokussiert sind. Zusammengefasst läuft die Philosophie von MLD auf pure Einfachheit hinaus. Eine Art, auf MLD und superultraleichte Ausrüstung zu schauen, ist: Das ist das Ziel, was ich erreichen möchte. Welche Ausrüstung brauche ich dazu? Ich glaube, dass viele Leute Ausrüstung kaufen und sagen „Wow, das ist schöne Ausrüstung! Und so sexy und gut aussehend!“ Aber sie sind nicht wirklich auf das Wesentliche fokussiert: Auf das, was sie erreichen möchten und wie genau sie ihre Ausrüstung dabei unterstützen kann. Das Ziel von MLD ist, die leichteste, voll funktionelle Lösung in allen großen Bereichen getragener Ausrüstung für Wanderer anzubieten: Rucksack, Shelter, Schlafsack, Biwaksack und so weiter.

VZ: Lass uns über das "Team MLD" sprechen, viele Leute vermissen es bereits. Du hattest auf deiner Website in 2006 darüber berichtet. Auf backpackinglight.com gab es Diskussionen, ob dieses Team wirklich existiert oder nicht.

RB: Nun, Team MLD – keiner weiß genau Bescheid. Ich denke, das ist ein Teil ihres Geheimnisses. Sie werden bald zurück kommen! Sie waren extrem beschäftigt mit ihren Abenteuern, ich denke, sie brauchten einfach mal eine Pause. Wir werden ihre Fans mit aktuellen Berichten über ihre Abenteuer versorgen, sobald sie zu ihrem Stützpunkt zurückgekehrt sind. Viele hatten Spaß und einige Inspirationen durch das Team MLD. Diese Leute machen ziemlich aufregende und unglaubliche Sachen. Sie sind eine Inspiration, obwohl MLD und ich niemandem raten, irgendetwas von dem, was sie machen, selbst auszuprobieren.

VZ: Denkst Du, dass ultraleichte Ausrüstung für jeden nützlich ist, oder wird es immer etwas für einige Freaks bleiben?

RB: Das hängt vom Wissen und Zugang zu Informationen ab. Hier eine kurze Geschichte, die ich auf einem meiner kürzlichen Ausflüge auf dem Appalachian Trail nahe Roanoke/VA erlebt habe: Vor einigen Wochen war ich auf dem Trail unterwegs und traf eine Gruppe von zehn Wandernovizen mit vollständig neuer Ausrüstung, ein Erwachsener und neun Teenager. Sie trugen die größten Rucksäcke, die ich mir nur vorstellen kann. Sie waren schlichtweg enorm. Obwohl sie erst zweieinhalb Kilometer vom Beginn des Trails entfernt waren, machten sie schon eine Pause. Sie waren vollkommen schweißüberströmt und der erwachsene Anführer, ungefähr 40 Jahre alt, hatte Probleme mit seinem Knie. Sie suchten über zehn Minuten in ihren gigantischen Rucksäcken nach Ibuprofen, um seine Knieprobleme zu lindern. Nach so kurzer Zeit steckte er schon in Problemen! Es war klar, dass die Gruppe ihr Ziel nie erreichen würde oder auch nur einigermaßen weit wandern würde. Ich fragte sie, wie viel ihre Rucksäcke wiegen würden, und die Antworten reichten von 30 bis 35 kg. Und das auf dem AT, wo man alle fünf bis sechs Meilen Wasser finden kann und sich mindestens alle 80 Kilometer mit Essen versorgen kann! Ich wurde neugierig und begann ein Gespräch mit ihnen. Wo habt ihr eure Ausrüstung her, wie habt ihr entschieden, was ihr brauchen würdet? Sie erzählten, dass sie eine Must-Have-Liste aus dem Internet heruntergeladen und alles gekauft hatten! Sie hatten alle diese abgestimmten neuen Rucksäcke, monströse 3-kg-Dinger. Sie hatten jeder mindestens 1000 US-$ für diese Ausrüstung, die sie beinahe umbrachte, ausgegeben! Es war vollkommen klar, dass sie weder eine schöne Wanderung haben noch ihr Ziel erreichen würden. Es war wirklich traurig.
Also, Ultraleicht für die Massen? Ich denke ja! Wenn Trekker oder auch Wanderführer Zugang zu den notwendigen Informationen, was sie wirklich brauchen, haben und die notwendigen Techniken für den Gebrauch der Ausrüstung beherrschen, dann ist es möglich. Das ist mein Traum.
Viele Leute wandern jetzt "superultraleicht", aber nicht so viele wie die in der Ultraleicht-Kategorie mit zweieinhalb bis fünf Kilo Basisgewicht. Ich denke, dass praktisch jeder mit einem Basisgewicht von fünf Kilo starten kann und 30 bis 40 km pro Tag laufen kann, zumindest mit vernünftiger Fitness, Training ein paar Mal pro Woche und auf den meisten Wegen. Mein Ziel ist es, die Ausrüstung und Informationen bereitzuhalten, die den Leuten helfen, raus zu gehen, mehr zu sehen, mehr zu erleben und mehr zu machen.

VZ: Wenn Du beispielsweise ein Wochenende auf dem Appalachian Trail unterwegs bist, was ist dann normalerweise Dein Basisgewicht im Rucksack?

RB: Im Hochsommer brauche ich nicht sehr viel, dann bin ich bei etwa 1,3 Kilo, alles außer Wasser und Nahrung. Nächstes Wochenende, wenn ich für drei bis fünf Tage unterwegs sein werde, mit nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt, werde ich ungefähr 2,2 bis 2,7 Kilo tragen, weil ich neue Ausrüstung testen möchte.

VZ: Das hört sich ziemlich leicht an. Hier in Europa gibt es nicht sehr viele Leute, die so leicht unterwegs sind.

RB: Ich denke, dass traditionell die einzigen Leute, die so leicht unterwegs sind, Kletterer im alpinen Bereich sind. Wenn sie die Kletterausrüstung aus ihren Rucksäcken nehmen würden, hätten sie ähnlich wenig zu tragen.

VZ: Wohin, denkst Du, entwickelt sich ultraleichte Ausrüstung in Zukunft? Wird die Ausrüstung noch leichter oder noch stabiler?

RB: Hoffentlich beides. Ich glaube nicht, dass sehr viel leichter möglich ist. Langlebigkeit könnte ein Faktor sein. Über Stabilität von Ausrüstung sollte man aber in anderen Kategorien denken: Vor 20 Jahren kaufte ich meinen ersten richtigen Rucksack, er wog zwei bis drei Kilo. Ich hab ihn immer noch, er sieht aus wie neu. Er hielt also viele Jahre, aber ich hörte schnell auf, ihn zu verwenden, weil er so schwer war. Lange Zeit hielt mich das vom Wandern ab. Langlebigkeit bedeutet eher, wie viele Meilen auf dem Trail ein Ausrüstungsstück mitmacht. Wenn ein 170 Gramm leichter Rucksack 1600 Kilometer mitmacht, nenne ich das ziemlich langlebig. Man muss über die Anzahl von Meilen, die er mitmacht, nachdenken, und darüber, wie viel einfacher er es einem macht, seine Ziele zu erreichen. Traditionelle Langlebigkeit passt nicht auf ultraleichte Ausrüstung. Ich hoffe, so werden es die Leute sehen. Es geht wirklich um das Wissen und die Art und Weise, wie Leute ihre Ausrüstung betrachten und wozu sie ihnen dienen soll.

VZ: Vielen Dank für das Interview, Ron.

RB: Vielen Dank! Es war ein schönes Gespräch. Ich mag es immer wieder, über leichte Ausrüstung zu sprechen und Leute mit den Informationen zu versorgen, die wichtig sind, um die leichte Ausrüstung kleiner Firmen zu verstehen und zu entscheiden, was ihnen am besten hilft, ihre Ziele zu erreichen.

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